In der Naturheilkunde verwendet werden die Sorten Urtica dioica, die als große Nessel bezeichnet wird und die kleine Nessel – damit ist die Urtica urens gemeint. Beide sind „sogar bei Nacht am Griff zu erkennen“, schreibt Kräuterkundiger Camerer im Jahr 1600, als er die Nessel beschreibt.

Sie hat einen mehrjährigen Wurzelstock und Stängel und Blätter sind mit Brennhaaren besetzt, die aus steifen Röhren bestehen und bei Berührung brennen und abbrechen. Die enthaltene Ameisensäure hinterlässt, beim Kontakt mit der Pflanze, das lang anhaltende und unvergessliche Gefühl der Durchblutung von Haut und Untergewebe. Die Blätter sind länglich herzförmig und grob gesägt. Die Blütenrispen stehen in den Winkeln der oberen Blätter und am Gipfel der aufrechten Pflanze. Die Nessel blüht im Juli und August. Die eher unscheinbaren Blüten bringen eine Vielzahl von Samen hervor, die sehr schmackhaft im Geschmack sind. Die Brennnessel wächst in der Nähe von Zäunen, Hecken und Mauern und sucht regelrecht die Menschennähe – will sie doch helfend zur Seite stehen. Das Kraut der Heilpflanze hat einen eigentümlichen, aber nicht unangenehmen Geruch.

Brennnessel Poster - HAGALL-Verlag

Brennnessel Poster – HAGALL-Verlag

Das Kraut, die Wurzel und die Samen der Pflanze werden in der Naturheilkunde verwendet. Jedes Pflanzenteil für andere Beschwerden. Das zeigt die Vielfältigkeit der Brennnessel. Als Frühjahrsgemüse ist das Kraut von großem Wert. Früher war sie wegen ihrer starken Fasern von Bedeutung. Man benutzte diese zum Weben von Nesseltuch. Abgesehen von ihrer heilsamen Wirkung auf Rheumatiker hat die Pflanze noch viel mehr drauf. Mehr als einmal habe ich die Behauptung gelesen, dass Menschen, die viel mit Bienen zu tun haben und infolgedessen hin und wieder von ihnen gestochen werden, weniger Gefahr laufen, einen Rheumatismus zu bekommen als andere. Man schreibt dies der Tatsache zu, dass mit jedem Bienenstich ein wenig Ameisensäure ins Blut gelangt. Unter den Pflanzen wehrt sich die Brennnessel mit ihren feinen Brennhaaren (dem Stachel der Biene vergleichbar) ihrer Haut. Wir können Biene und Brennnessel als zwei verschiedene Äußerungsformen ein und desselben Prinzips ansehen. Eine Analogie besteht auch bezüglich der Nahrungsquelle. Die Brennnessel gedeiht besonders gut auf Düngerhaufen und stickstoffreichen Böden und ist selbst eiweißreich. Die Biene findet man auf den Blüten, auf den eiweißreichsten Teilen der Pflanze, die bei ihrem Besuch auch noch bestäubt und befruchtet werden, wodurch sie zur Erhaltung der Art beiträgt.

Brennnessel und Biene sind demnach Träger des Lebenspols. Eine Form der rheumatischen Erkrankung wird durch die Vernachlässigung des Lebenspols verursacht, weil diese Rheumatiker ihren Denkpol überlasten, den Intellekt überbewerten und den rein körperlichen Funktionen untergeordnete Bedeutungen beimessen. Menschen mit dieser Einstellung werden häufiger wie andere von Asthma, Ekzemen oder Rheuma heimgesucht. Durch die ständige Überlastung des Kopfes (Denken) kommt es zu Verkrampfungen im Körper, was zu einer Beeinträchtigung der Zirkulationsprozesse führen kann. Dadurch wiederum vermag sich der Körper nur unzureichend zu reinigen. Schlacken und Schadstoffe werden nicht ausreichend ausgeschieden, verbleiben im Körper und machen sich im Darm als Fäulnisprodukte und Blähungen und im Gewebe als stechende Harnsäurekristalle bemerkbar.

Dann ist die Brennnessel als wirksames Reinigungsmittel angesagt. Der Rheumatiker tut gut daran, die jährliche Frühjahrskur mit Tee, jungen Triebspitzen als Gemüse zubereitet und Tinktur vom Kraut der Brennnessel über sich ergehen zu lassen. Als Belohnung lockt ein leckerer „Bienenstich“ aus der Konditorei! Denn auch beim Denker darf der Leib nicht zu kurz kommen.

In alten Kräuterbüchern findet man immer etwas über die Nessel

Dort steht: Ein Hausmittel ist es, mit frisch gepflückten Brennnesseln auf die rheumatischen Gelenke – Ellbogen, Handgelenke und Knie – zu schlagen. Schlagen mit Brennnesseln heile den Rheumatismus.

Es gibt tapfere Leute, die bei eintretendem Rheumatismus die schmerzenden Stellen tüchtig mit Nesseln peitschen, wodurch die Haut zur Bereitstellung rheumafeindlicher Kräfte angeregt wird. Heutzutage ist mehr die Rheumasalbe aktuell.

Ein Teerezept bei chronischem Rheuma nach Kräuterhannes enthält Kraut der Brennnessel, Birkenblätter, Erdbeerblätter und wilden Rosmarin mit je 50 g, von den Blättern der schwarzen Johannisbeere und der Preiselbeere je 20 g und auf den Wurzelstock vom Liebstöckel kann auch nicht verzichtet werden. Da gibt man 20 g hinzu, bereitet einen Kräutertee und trinkt diesen über den Tag verteilt. Mit Honig gesüßt ein Genuss.

Kräuterpfarrer Kneipp rühmte den Nesseltee bei Verschleimung der Brust und Lunge. Der Tee löst den Schleim und reinigt daher auch den Magen vom Schleim und schlechte Stoffe werden durch den Harn abgeführt.

Nesselblätter mit Salz gestoßen wurden als Pflaster zur Wundheilung und Reinigung von Geschwüren und Beulen aufgelegt. Die kleine Nessel wurde gegen Nesselfriesel und Hautausschlag, bei Wassersucht und Verbrennung, ehe Blasen entstehen, gerühmt. Auch soll die Milch der Wöchnerinnen mit Tee von der Nessel mehr werden. Heutzutage beschreibt man Pflanzen mit dieser Vielfältigkeit bescheiden als Universalentgifter.

Kräuterpfarrer Johann Künzle nennt das Kraut süße Nudel

Die Brennnessel gleicht einem ruchen Cholderi, einem Mann mit grimmigem Gebaren, aber mit einem hilfreichen Herzen. Sie ist wohl das einzige Kraut, das allen Leuten bekannt ist, denn ihr Händedruck ist unvergesslich. Warum hat der liebe Gott dieser Pflanze das Feuer gegeben? Als Schutz gegen die Ausrottung, denn die Geschmacks- und Nährstoffe dieser Pflanze sind bei den Tieren, von der Kuh bis zur Schmetterlingslarve, geschätzt wie bei den Menschen die süße Nidel und sie wäre schon lange ausgerottet, wenn nicht ihre Brennhaare sie vor der unvernünftigen Naschhaftigkeit schützen würden. Im Kräuterbüchlein Kraut und Unkraut  ist weiter zu lesen, dass alles an dieser Pflanze Verwendung findet, von der Wurzel bis zum Samen. Die Wurzel mit Essig gesotten, ist weitaus das beste Mittel für Haarwuchs. Das Kraut reinigt Lunge, Magen, Gedärme und wirkt heilend bei längerem Gebrauche bei Magen- und Darmgeschwüren. Der Tee wird mit Wegerich, Wacholder und Thymian, mitsamt der Nessel natürlich, bereitet. Die Brennnessel ist das Bild des  empfindlichen, reizbaren Menschen und muss daher auch wie dieser mit Glacéhandschuhen angerührt werden.

Die Blätter enthalten Vitamin A und C und Eisen!

Die Inhaltsstoffe der Brennnessel sind Flavonoide und Mineralstoffe wie Magnesium, Kalzium und Silizium. Die Blätter enthalten Vitamin A und C und Eisen. Diese Stoffe regen den Stoffwechsel an, entgiften durch Ausleitung über den Harn und sind bei der Blutbildung förderlich.

Was macht das Eisen im Körper des Menschen? Es trägt den roten Blutfarbstoff Hämoglobin. Somit transportiert Eisen den Sauerstoff in die Zellen und sorgt dafür, dass die Verbrennung in Gang bleibt. Damit sind wir im Stande viel zu leisten und klar zu denken –  im Blut liegt unsere eigentliche Kraft. Das Eisen gibt uns Tatendrang und das Vermögen, im Stoff zu verwirklichen, was sich die Seele vorgestellt hat. Bei den germanischen Sperrmännern (der Speer war aus Eisen) gab das Metall den Männern die Kampfeslust und den Frauen schenkte Eisen die rotgoldenen Haare, worauf die römischen Frauen so eifersüchtig waren. Das Eisen trägt das Verlangen nach irdischem Dasein in sich – wo Eisen ist, da ist der Lebenswille. So wie der Kern des Erdkörpers, 2.900 km unter der Erdoberfläche, aus flüssigem Eisen besteht, so wichtig ist das Metall Eisen in den Blutbahnen des menschlichen Körpers. Eisenreiche Pflanzen sind Eisenkraut (Verbena) und unsere Brennnessel. Ein Rezept zur Blutbildung ist aus dem Kräuterhannes entnommen und besteht aus folgenden Kräutern: Eisenkraut, Andorn, Schafgarbe, Kalmus, Melisse, Alantwurzel und der Brennnessel.

Harnsäure, ein Tunichtgut im menschlichen Körper

Überschüssige Harnsäure verursacht als erstes den berühmten schmerzhaften Gichtanfall, ansonsten rheumatische Beschwerden.

Üppige Mahlzeiten, besonders solche, die reich an tierischem Eiweiß sind, bewirken einen langfristigen Harnsäureüberschuss. In diesem Fall ist das Rheuma keine Folge von Kälte, sondern der Überhitzung. Die vielen Aufregungen des Lebens überhitzen das Gemüt, die der Betroffene durch fette und eiweißreiche Kost zu kompensieren versucht. Er entschädigt sich für seine seelischen Spannungen, in dem er unvernünftig isst. Die Folgen sind erhöhte Harnsäurewerte im Blut. Akute Schmerzanfälle behindern den Tagesablauf und die Gelenke schmerzen.

Ein Teerezept bei Rheuma und Arthritis enthält das Kraut der Spierstaude (Spiraea ulmaria), den dornigen Hauhechel (Ononis spinosa), Goldrute (Solidago virgaurea) und das Kraut der Brennnessel. Bei chronischen schmerzhaften Gelenksbeschwerden sollte die Tinktur der Silberweide, dreimal täglich 15 Tropfen, dem Tee beigegeben werden. Die ausleitende und reinigende Rezeptur wird über einen längeren Zeitraum verabreicht und kann mit Honig versüßt werden.

Die Homöopathie weiß die Anwendung zu schätzen

Zur homöopathischen Anwendung wird die frische, blühende Pflanze der kleinen Nessel verwendet. Karl Stauffer schreibt über die Urtica urens: die Brennnessel enthält Ameisensäure, beide haben eine Beziehung zur Harnsäure. Bei Nesselsucht, die auf harnsaurer Diathese beruht und periodisch bei Wetterwechsel auftritt, haben sich die mittleren Potenzen als hilfreich erwiesen. Bei Nierenkoliken mit Sand- und Steinabgang, selbst wenn Blutharnen besteht, ist der Tee aus Kraut, Blüten und Wurzeln, über längere Zeit genommen, sehr zu empfehlen. Mittlere Potenzen bis D12 empfiehlt Stauffer bei Allergien, Hautjucken, Ausschlägen mit Quaddelbildung und Brennen – besonders wenn die Haut aussieht, als wäre sie mit einer Brennnessel in Berührung gekommen. In höheren Potenzen bis D30 wirkt die Urtica urens auf der geistigen Ebene z. B. gegen Vermännlichung der Frau.

Gartentipp!

Ein Tipp für den biologischen Hobbygärtner ist die Herstellung einer Brennnessel-Jauche. Für Reihenhäuser weniger geeignet! Ein hervorragender Pflanzendünger und Schädlingsinsektenvertilger aus  Brennnesselkraut. Zur Herstellung übergießt man einen Kübel junge Brennnesselpflanzen mit Wasser und lässt sie einige Tage gären. Ein hervorragender Dünger, aber nicht ganz geruchfrei.

Es gibt Zauberliteratur über die Brennnessel

Im Handbuch des deutschen Aberglaubens wird die Brennnessel als antidämonisch beschrieben. Aus der alten Zauberliteratur von Hermes Trismesgistos stammt die Angabe, dass Brennnessel mit Tausendblatt (damit war die Schafgarbe gemeint) in der Hand gehalten gegen alle Forcht und Fantasey (das waren teuflische Anfechtungen) schütze. Wer Neßlen-Würtzen (Brennnesselwurzeln) bei sich trägt, so mag kein Wurm schaden. Auch im Milchzauber wurde die Brennnessel verwendet. Wenn sich die Butter nicht ausrühren ließ, geißelte man das Butterfass mit Brennnesseln. Die zur Käsebereitung bestimmt Milch wird am Weihnachtsabend mit einer Brennnessel belegt und das Ganze an Dreikönig in den Mist gegossen, dann wurde die Milchwirtschaft durch Behexung nicht geschädigt.

Gibt uns der Charakter der Pflanze einen Hinweis?

Die relativ unscheinbare Brennnessel kann sich ebenso gut durchsetzen wie anpassen, wobei sie eine gewisse Scheu hat, sich zu zeigen – weshalb sie häufig übersehen wird. Sie möchte respektiert werden. Wenn sie zu wenig beachtet wird, macht sie sich durch Stechen bemerkbar. Der Mensch, der dem Brennnesseltyp gleichkommt, ist auch relativ unauffällig, verschwiegen aber reizbar. Mitunter verhält er sich seiner Umwelt gegenüber ätzend. Kann sich sehr wohl durchsetzen und zeigt seine wirklichen Gefühle nur, wenn er gereizt ist, weil er verärgert wurde. Der Brennnesseltyp hat ein gutes Wahrnehmungsvermögen und spricht Dinge aus, die andere nicht aussprechen möchten. Denn die Brennnessel hat keine Angst, sich unbeliebt zu machen.

Die Brennnessel hat sich in der letzten halben Stunde öfters unbeliebt gemacht. In der Kräuterheilkunde des 16. Jahrhunderts, wie in der Zauberliteratur, wurde gegeißelt und geschlagen auf  schmerzende Gelenke und auf Butterfässer. Die Homöopathie setzt Stechendes gegen stechende Schmerzen ein. Vielleicht sollte, wer mit einer chronischen Krankheit geschlagen ist, mit der Brennnessel zurückschlagen?

 

 

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